Interview mit Rainer Brämer, Wandern
M2b Redaktion am 01.10.2003 - 17:15 Uhr
Wir sprachen mit dem 'sozialwissenschaftlichen Naturwissenschaftler' von der Universität Marburg über seinen Werdegang, das Wandern, über Ästhetik und ihre mögliche Bedeutung für die Begründung des Naturschutzes.
ski2b: Herr Brämer, stellen Sie Sich den Lesern kurz vor?
Rainer Brämer: Im Anschluss an mein Diplom in Physik war ich zunächst ein paar Jahre als wissenschaftlicher Assistent an der Abteilung für Experimentelle Physik der Uni Ulm. Seit 1972 bin ich am Fachbereich für Erziehungswissenschaft der Uni Marburg tätig. Meine Forschungsbereiche verlagerten sich in diesen Jahren von der Festkörperphysik über soziologische Untersuchungen des Schulunterrichts, der Naturwissenschaften und der Hochschullehre hin zu soziologischen Fragen des jugendlichen Naturverhältnisses (seit 1992) und Forschungen über das Wandern aus wissenschaftlicher Sicht (seit 1993).
Heute verstehe ich mich als ein 'sozialwissenschaftlicher Naturwissenschaftler', da ich das Thema Natur, zu der für mich immer auch der Mensch dazu gehört, mit soziologischen Methoden untersuche. Im Zusammenhang mit natursoziologischen und partiell auch naturpsychologischen Arbeitsfeldern bietet das Wandern eine optimale Praxisverbindung, weil diese 'gehende Fortbewegung' nachweislich den intensivsten Naturkontakt überhaupt ermöglicht. Die sinnliche Wahrnehmung von Natur ist beim Wandern einfach am größten, weil die eigene Natur optimal in das Geschehen einbezogen wird.
Jenseits der Universität war ich lange Zeit als Wanderführer und Wegezeichner tätig. Seit zehn Jahren moderiere und leite ich zudem wandertouristische Modernisierungsprojekte, seit drei Jahren auch die Forschungsgruppe Wandern an unserer Universität - die einzige ihrer Art in Deutschland.
ski2b: Anfang September fand in Düsseldorf mit der 'TourNatur' erstmals eine spezielle Wander- und Trekkingmesse statt. Sie haben dort mit anderen Wanderfachleuten an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, bei der es um Erfahrungen und Erkenntnisse zur Förderung des qualitativen Wanderns ging.
Frau Dicks vom Deutschen Wanderverband in Kassel sagte bei dieser Gelegenheit: "Wandern bedeutet, raus in die Natur [...] zu kommen". Wandern sei "Erleben, [...] Abschalten vom Alltag". Michael Sänger vom 'Wandermagazin' sprach vom Wandern als "eine enorm sinnliche Angelegenheit".
Sie hinterfragen im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit das Naturmotiv beim Wandern: "Was bewegt uns [...], wenn wir in der Natur sind? Was zieht uns dort an?" Im Hinblick auf die von Ihnen ermittelten Qualitätskriterien zur Beschreibung hochwertiger Wanderwege stellen Sie fest: "Allerwichtigste Kriterien", das zeigen Ihre Befragungen von Wandernden vor Ort, seien die "im Zusammenhang mit der Naturnähe". Sie erwähnen ein "evolutionäres Erbe", das hinter diesen Erkenntnissen stehe, der Mensch habe noch "ein Verhältnis zur Natur".
Gerade in den letzten zwei Jahrzehnten dominiert eine sehr positive, technische Kontrollannahme viele Prozesse unserer Gesellschaft. Manifestiert sich in unserem Verhältnis zur Natur nicht auch ein psychologisches Grundbedürfnis nach Natur, was die Großzahl Wandernder nachhaltig unterstreicht?
Rainer Brämer: Sicher. Man muss zwei verschiedene Naturverhältnisse unterscheiden, bei denen wir die Natur ganz unterschiedlich angehen. Zum einen ist sie Objekt von Aktivitäten, mit deren Hilfe wir unser Überleben sichern bzw. die Ressourcen für unsere Wirtschaft bereitstellen. Es handelt sich dabei um einen rationalen, manipulativen Naturzugriff, für den die Naturwissenschaft und Technik stehen. Jenseits der Grundschule ist Natur nur noch in dieser Sichtweise Lerngegenstand, sie erscheint so lediglich als Sachgegenstand.
Persönlich jedoch nehmen wir die Natur vorzugsweise über den Bauch wahr, also als emotional besetzte Größe. In den letzten 200 Jahren unserer mitteleuropäischen Zivilisation haben wir um uns herum immer mehr eine Objektwelt geschaffen, in der wir heute fast ausschließlich leben. Die emotionale Auseinandersetzung mit Natur trat dabei zusehends in den Hintergrund.
Evolutionspsychologische Untersuchungen machen allerdings deutlich, dass ein dominierendes Objektverhältnis zur eigenen Umwelt problematisch ist. Auch die Entwicklungspsychologie zeigt: die Aufrechterhaltung einer fast durchgehenden Distanz zu den Dingen, aber auch den Personen unserer Umgebung ist anstrengend, und es entsteht eine verstärkte Notwendigkeit für uns, ab und an in normale, 'artgerechte' Biotope abzutauchen. Denn wir sind und bleiben Naturwesen, das heißt: wir sind mit Sinnen und Fähigkeiten ausgestattet, die sich am besten für eine Orientierung in einer natürlichen Umwelt eignen. Und hierbei spielen die gegenwärtig so unterschätzten emotionalen Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster eine dominierende Rolle, mit ihnen kommen wir besser zurecht. Bewegen wir uns dagegen überwiegend oder ausschließlich in der zivilisierten 'Kunstwelt', droht aufgrund der stets einseitigen Anforderungen an unsere kognitive Aufmerksamkeit auf Dauer eine mentale Erschöpfung - mit den dazugehörigen Konsequenzen des Konzentrationsverlustes, der Reizbarkeit, des Kontrollverlustes. Das hat schließlich auch in Hinblick auf die Gesundheit oder gesellschaftlichen Beziehungen negative Folgen.
Dass uns die gegenwärtige 'Hyperzivilisation', obwohl von uns selber geschaffen, krank macht, ist nicht zuletzt mit jenen Untersuchungen zu belegen, die nachweisen, dass Naturkontakte gestresste, kranke und sozial abgestürzte Menschen wieder aufs Gleis bringen können. Wo Büros, Geschäftsviertel, Krankenhäuser, soziale Ghettos oder Gefängnisse auch nur ein weing Grünkontakt bieten, geht es den Menschen nachweislich besser als in der reinen Kunstszenerie. Je mehr wir uns unserem selbsterzeugten Stress aussetzen, wie er im 'Globalisierungsfetisch' seinen höchsten Ausdruck erfährt, desto mehr Natur ist nötig, um unsere Persönlichkeit ab und an wieder ins Lot zu bringen. Das erklärt auch, warum es uns in unserer Freizeit immer mehr in die Natur zieht. Diese 'Regression', das Wiedereintauchen in unsere natürliche, artgerechte Umwelt, ist in unserer heutigen Gesellschaft mehr denn je wichtig, und ich sehe darin auch einen Erklärungsansatz dafür, dass - gerade immer mehr in hohem Maße gebildete - Menschen gegenwärtig das Wandern wiederentdecken!
ski2b: Natur schweigt, sie spricht nicht zu uns. Inwieweit ist es unser ästhetisches Empfinden, das uns in die Lage versetzt, eine Beziehung zur Natur 'draußen' aufzubauen? Wie konstitutiv sind derartige Prozesse für den Menschen? Wandern deshalb so viele Menschen regelmäßig und gerne?
Rainer Brämer: Ästhetik ist ein wichtiges Element in diesem Prozess, weil sie im Kern nichts anderes ist als eine Form von Versicherung unserer Person und Lebensumstände. In einer schönen Landschaft bzw. Umgebung fühlen wir uns geborgen - auch ein Erbe unserer Vorfahren. Doch es gibt weitere emotionale Dimensionen, es ist letztlich das gesamte sinnliche Empfinden des Menschen, das ihm über den Kontakt zur äußeren Natur auch die Entdeckung seiner eigenen Natur ermöglicht und letztlich beide miteinander versöhnt. Beim Wandern spüren wir diese Versöhnung unmittelbar, wir fühlen uns wieder eins mit unserer Umwelt - und das bringt uns wieder ins Lot, und zwar schneller als alle anderen Techniken und Drogen.
ski2b: Kann speziell die Ästhetik Ebenen und Ressourcen zur Verfügung stellen, die innerhalb gängiger partizipatorischer Diskussionszusammenhänge sonst nicht ins öffentliche Interesse treten?
Es geht dabei primär nicht um die theoretische, kunsthistorische Disziplin, sondern um Landschaft als reale Raumerfahrung und ihre Bedeutung für das Naturverständnis des Menschen. Der Zugang dazu ist heute doch ökologisch-naturwissenschaftlich reduziert, verbunden mit einer Geschichtsvergessenheit und einer Vergessenheit der Ästhetik: die Evolution hat das Konstrukt von der Schöpfung des Menschen abgelöst, und nachdem das biblische Weltbild einstürzte, stammen wir nun, dem Affen nah, aus der Natur, und Naturwissenschaftler sind die neuen Schöpfer - der Schlüssel zur Natur des Menschen, der Tiere und Pflanzen liegt folglich in den Genen.
Wie ästhetisch ist es für Sie, wenn vollsynthetische Aromastoffe als naturidentisch bezeichnet werden und die Konsumtion von Natürlichem wie Hausgeburten zum höchsten Zivilisationsgut werden? Kann die Ästhetik Anteil haben an der Formulierung von Naturqualitäten?
Rainer Brämer: Menschen haben ein nahezu einheitliches Gefühl für natürliche Ästhetik. Dagegen sind die 'Kunstästhetiken' - mitunter zum Glück - kurzlebige, meist hoch verkopfte Erscheinungen; hierhin gehört etwa der Begriff Mode. Dasselbe gilt für die Ästhetik von Wissenschaft und Technik, sie bleiben oberflächlich und werden mehr von Zwecken als von Sinnelementen geprägt. Die Naturästhetik ist da von ganz anderem Kaliber, und sie bietet auch ganz andere Chancen - nicht zuletzt auch für die Umweltdebatte. Wenn wir unser durch die Erfolge von Wissenschaft und Technik größenfantastisches Naturverhältnis wieder vom Kopf auf die Füße stellen wollen, hilft uns keine rationale Erkenntnis und abgeleitete Moral, sondern nur der direkte Austausch der eigenen mit der äußeren Natur - vor allen Dingen über unseren Hauptaktionsraum, die Landschaft. Wenn heute von Naturschutz gesprochen wird, wird oft völlig vergessen dass damit auch Landschaftsschutz gemeint ist. Das Bundesnaturschutzgesetz spricht gleichwertig von Naturschutz und Landschaftspflege. Dieser zweite Schutzbegriff aber wird überwiegend emotional bzw. ästhetisch definiert - zu erhalten ist die "Vielfalt, Eigenart und Schönheit" der Landschaft, heißt es da. Leider gibt es hierfür bislang keine juristisch tragfähige Operationalisierung, daher fällt die Landschaftspflege im Zweifelsfall immer unter den Tisch. Hier kann die Natursoziologie und -psychologie weiterhelfen, indem sie die Notwendigkeit eines emotionalen Naturzugangs, eines Rechts auf Natur geltend macht. Jeder von uns, am meisten aber die junge Generation, braucht zur grundgesetzlich gesicherten, freien Entfaltung seiner Personlichkeit eher ein Stück Natur als einen Laptop. Und Wandern eröffnet den einfachsten, direktesten und schonendsten Weg zur Realisierung dieses Rechtes.
ski2b: Naturschutz gibt es seit geraumer Zeit und es ist weniger seine Einführung zu fordern als seine bisherige Wirkungslosigkeit festzustellen. Diese Wirkungslosigkeit besonders im Hinblick auf Nachhaltigkeit liegt darin, dass er mit dem Eigenwert der Natur und dem Postulat einer ethischen Verantwortung begründet wird. Ihnen zu genügen reichen Naturschutzinseln wie Naturschutzgebiete oder Nationalparke allemal aus. Wie in allen anderen sozialen Bereichen auch verlieren solche Begründungen, obwohl meist zustimmend zur Kenntnis genommen, vor der konkreten Möglichkeit erhöhten Profits oder sinkender Kosten (oder beidem) sowie vor der Befürchtung, wirtschaftliche Handlungsfreiheit einzubüßen, aber schnell ihre praktische Bedeutung.
Natur ist aber nicht nur Ressource oder ein biologischer Wirkungszusammenhang. Sie ist ebenso als Landschaftsform zu begreifen, die in Mitteleuropa nicht die Chimäre unberührter Natur im Sinne von Wildnis meint, aber vielmehr Schutz, Erhaltung oder Wiedergewinnung einer historisch gewordenen Landschaft, in der sich menschliche Arbeit und Kultur widerspiegelt. Und Natur ist auch ein psychologisches Grundbedürfnis des Menschen.
Ergäbe sich über diese gesellschaftlichen Nutzenkriterien, die mehr beinhalten, als die betriebswirtschaftliche Kostenrechnung aufweist, nicht ein sinnvollerer Ansatz, Naturschutz zu begründen, als der bisherige, der ethisch-moralisch daherkommt?
Rainer Brämer: Ja. Je mehr wir sinnlich erfahren, wie wichtig der Kontakt zur äußeren Natur für unsere eigene Natur ist, desto mehr werden wir uns auch positiv und engagiert der Natur zuwenden und für ihren Erhalt Sorge tragen. Damit wird unser eigenes, ganz persönliches Wohl zur treibenden Kraft für den Naturerhalt. Und nicht nur das: wo zentrale menschliche Bedürfnisse berührt sind, entsteht auch eine ökonomische Kraft.
Die Renaturierung von Lebensverhältnissen rechnet sich, wie beispielsweise der Naturtourismus, die Wanderhotels, aber auch die ökonomischen Studien über den Effekt der Be- und Umgrünung von Krankenhäusern, Büros und sozialen Brennpunkten zeigen. Es sieht im Moment so aus, als sei die Technisierung unserer Lebensverhältnisse einschließlich der damit verbundenen Ausbeutung unserer mentalen Kräfte so weit fortgeschritten, dass wir die Natur wieder richtig dringend brauchen. Nur mit diesem Gewinn bzw. Nutzen von Natur, den jeder ganz persönlich erfahren kann - wie zum Beispiel beim Wandern - können wir die weitere Vernichtung unserer natürlichen Umwelt aufhalten. Auf Dauer können wir nicht weiter täglich 120 Hektar Fläche allein in Deutschland versiegeln, wenn wir uns nicht selbst unsere Rekreationsmöglichkeiten nehmen wollen.
ski2b: Danke, dass Sie Sich die Zeit für das Interview genommen haben.
Rainer Brämer: Ich finde es gut, dass Sie dieses wichtige Thema so ernsthaft aufgreifen.
Information und Kontakt:
Dr. Rainer Brämer
Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Marburg
Wilhelm-Röpke-Straße 6B, D-35032 Marburg/Germany
fax: (+49)-6421-282 8946
mail:
ski2b: Herr Brämer, stellen Sie Sich den Lesern kurz vor?
Rainer Brämer: Im Anschluss an mein Diplom in Physik war ich zunächst ein paar Jahre als wissenschaftlicher Assistent an der Abteilung für Experimentelle Physik der Uni Ulm. Seit 1972 bin ich am Fachbereich für Erziehungswissenschaft der Uni Marburg tätig. Meine Forschungsbereiche verlagerten sich in diesen Jahren von der Festkörperphysik über soziologische Untersuchungen des Schulunterrichts, der Naturwissenschaften und der Hochschullehre hin zu soziologischen Fragen des jugendlichen Naturverhältnisses (seit 1992) und Forschungen über das Wandern aus wissenschaftlicher Sicht (seit 1993).
Heute verstehe ich mich als ein 'sozialwissenschaftlicher Naturwissenschaftler', da ich das Thema Natur, zu der für mich immer auch der Mensch dazu gehört, mit soziologischen Methoden untersuche. Im Zusammenhang mit natursoziologischen und partiell auch naturpsychologischen Arbeitsfeldern bietet das Wandern eine optimale Praxisverbindung, weil diese 'gehende Fortbewegung' nachweislich den intensivsten Naturkontakt überhaupt ermöglicht. Die sinnliche Wahrnehmung von Natur ist beim Wandern einfach am größten, weil die eigene Natur optimal in das Geschehen einbezogen wird.
Jenseits der Universität war ich lange Zeit als Wanderführer und Wegezeichner tätig. Seit zehn Jahren moderiere und leite ich zudem wandertouristische Modernisierungsprojekte, seit drei Jahren auch die Forschungsgruppe Wandern an unserer Universität - die einzige ihrer Art in Deutschland.
ski2b: Anfang September fand in Düsseldorf mit der 'TourNatur' erstmals eine spezielle Wander- und Trekkingmesse statt. Sie haben dort mit anderen Wanderfachleuten an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, bei der es um Erfahrungen und Erkenntnisse zur Förderung des qualitativen Wanderns ging.
Frau Dicks vom Deutschen Wanderverband in Kassel sagte bei dieser Gelegenheit: "Wandern bedeutet, raus in die Natur [...] zu kommen". Wandern sei "Erleben, [...] Abschalten vom Alltag". Michael Sänger vom 'Wandermagazin' sprach vom Wandern als "eine enorm sinnliche Angelegenheit".
Sie hinterfragen im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit das Naturmotiv beim Wandern: "Was bewegt uns [...], wenn wir in der Natur sind? Was zieht uns dort an?" Im Hinblick auf die von Ihnen ermittelten Qualitätskriterien zur Beschreibung hochwertiger Wanderwege stellen Sie fest: "Allerwichtigste Kriterien", das zeigen Ihre Befragungen von Wandernden vor Ort, seien die "im Zusammenhang mit der Naturnähe". Sie erwähnen ein "evolutionäres Erbe", das hinter diesen Erkenntnissen stehe, der Mensch habe noch "ein Verhältnis zur Natur".
Gerade in den letzten zwei Jahrzehnten dominiert eine sehr positive, technische Kontrollannahme viele Prozesse unserer Gesellschaft. Manifestiert sich in unserem Verhältnis zur Natur nicht auch ein psychologisches Grundbedürfnis nach Natur, was die Großzahl Wandernder nachhaltig unterstreicht?
Rainer Brämer: Sicher. Man muss zwei verschiedene Naturverhältnisse unterscheiden, bei denen wir die Natur ganz unterschiedlich angehen. Zum einen ist sie Objekt von Aktivitäten, mit deren Hilfe wir unser Überleben sichern bzw. die Ressourcen für unsere Wirtschaft bereitstellen. Es handelt sich dabei um einen rationalen, manipulativen Naturzugriff, für den die Naturwissenschaft und Technik stehen. Jenseits der Grundschule ist Natur nur noch in dieser Sichtweise Lerngegenstand, sie erscheint so lediglich als Sachgegenstand.
Persönlich jedoch nehmen wir die Natur vorzugsweise über den Bauch wahr, also als emotional besetzte Größe. In den letzten 200 Jahren unserer mitteleuropäischen Zivilisation haben wir um uns herum immer mehr eine Objektwelt geschaffen, in der wir heute fast ausschließlich leben. Die emotionale Auseinandersetzung mit Natur trat dabei zusehends in den Hintergrund.
Evolutionspsychologische Untersuchungen machen allerdings deutlich, dass ein dominierendes Objektverhältnis zur eigenen Umwelt problematisch ist. Auch die Entwicklungspsychologie zeigt: die Aufrechterhaltung einer fast durchgehenden Distanz zu den Dingen, aber auch den Personen unserer Umgebung ist anstrengend, und es entsteht eine verstärkte Notwendigkeit für uns, ab und an in normale, 'artgerechte' Biotope abzutauchen. Denn wir sind und bleiben Naturwesen, das heißt: wir sind mit Sinnen und Fähigkeiten ausgestattet, die sich am besten für eine Orientierung in einer natürlichen Umwelt eignen. Und hierbei spielen die gegenwärtig so unterschätzten emotionalen Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster eine dominierende Rolle, mit ihnen kommen wir besser zurecht. Bewegen wir uns dagegen überwiegend oder ausschließlich in der zivilisierten 'Kunstwelt', droht aufgrund der stets einseitigen Anforderungen an unsere kognitive Aufmerksamkeit auf Dauer eine mentale Erschöpfung - mit den dazugehörigen Konsequenzen des Konzentrationsverlustes, der Reizbarkeit, des Kontrollverlustes. Das hat schließlich auch in Hinblick auf die Gesundheit oder gesellschaftlichen Beziehungen negative Folgen.
Dass uns die gegenwärtige 'Hyperzivilisation', obwohl von uns selber geschaffen, krank macht, ist nicht zuletzt mit jenen Untersuchungen zu belegen, die nachweisen, dass Naturkontakte gestresste, kranke und sozial abgestürzte Menschen wieder aufs Gleis bringen können. Wo Büros, Geschäftsviertel, Krankenhäuser, soziale Ghettos oder Gefängnisse auch nur ein weing Grünkontakt bieten, geht es den Menschen nachweislich besser als in der reinen Kunstszenerie. Je mehr wir uns unserem selbsterzeugten Stress aussetzen, wie er im 'Globalisierungsfetisch' seinen höchsten Ausdruck erfährt, desto mehr Natur ist nötig, um unsere Persönlichkeit ab und an wieder ins Lot zu bringen. Das erklärt auch, warum es uns in unserer Freizeit immer mehr in die Natur zieht. Diese 'Regression', das Wiedereintauchen in unsere natürliche, artgerechte Umwelt, ist in unserer heutigen Gesellschaft mehr denn je wichtig, und ich sehe darin auch einen Erklärungsansatz dafür, dass - gerade immer mehr in hohem Maße gebildete - Menschen gegenwärtig das Wandern wiederentdecken!
Fotoserie: Interview mit Rainer Brämer, Wandern
ski2b: Natur schweigt, sie spricht nicht zu uns. Inwieweit ist es unser ästhetisches Empfinden, das uns in die Lage versetzt, eine Beziehung zur Natur 'draußen' aufzubauen? Wie konstitutiv sind derartige Prozesse für den Menschen? Wandern deshalb so viele Menschen regelmäßig und gerne?
Rainer Brämer: Ästhetik ist ein wichtiges Element in diesem Prozess, weil sie im Kern nichts anderes ist als eine Form von Versicherung unserer Person und Lebensumstände. In einer schönen Landschaft bzw. Umgebung fühlen wir uns geborgen - auch ein Erbe unserer Vorfahren. Doch es gibt weitere emotionale Dimensionen, es ist letztlich das gesamte sinnliche Empfinden des Menschen, das ihm über den Kontakt zur äußeren Natur auch die Entdeckung seiner eigenen Natur ermöglicht und letztlich beide miteinander versöhnt. Beim Wandern spüren wir diese Versöhnung unmittelbar, wir fühlen uns wieder eins mit unserer Umwelt - und das bringt uns wieder ins Lot, und zwar schneller als alle anderen Techniken und Drogen.
ski2b: Kann speziell die Ästhetik Ebenen und Ressourcen zur Verfügung stellen, die innerhalb gängiger partizipatorischer Diskussionszusammenhänge sonst nicht ins öffentliche Interesse treten?
Es geht dabei primär nicht um die theoretische, kunsthistorische Disziplin, sondern um Landschaft als reale Raumerfahrung und ihre Bedeutung für das Naturverständnis des Menschen. Der Zugang dazu ist heute doch ökologisch-naturwissenschaftlich reduziert, verbunden mit einer Geschichtsvergessenheit und einer Vergessenheit der Ästhetik: die Evolution hat das Konstrukt von der Schöpfung des Menschen abgelöst, und nachdem das biblische Weltbild einstürzte, stammen wir nun, dem Affen nah, aus der Natur, und Naturwissenschaftler sind die neuen Schöpfer - der Schlüssel zur Natur des Menschen, der Tiere und Pflanzen liegt folglich in den Genen.
Wie ästhetisch ist es für Sie, wenn vollsynthetische Aromastoffe als naturidentisch bezeichnet werden und die Konsumtion von Natürlichem wie Hausgeburten zum höchsten Zivilisationsgut werden? Kann die Ästhetik Anteil haben an der Formulierung von Naturqualitäten?
Rainer Brämer: Menschen haben ein nahezu einheitliches Gefühl für natürliche Ästhetik. Dagegen sind die 'Kunstästhetiken' - mitunter zum Glück - kurzlebige, meist hoch verkopfte Erscheinungen; hierhin gehört etwa der Begriff Mode. Dasselbe gilt für die Ästhetik von Wissenschaft und Technik, sie bleiben oberflächlich und werden mehr von Zwecken als von Sinnelementen geprägt. Die Naturästhetik ist da von ganz anderem Kaliber, und sie bietet auch ganz andere Chancen - nicht zuletzt auch für die Umweltdebatte. Wenn wir unser durch die Erfolge von Wissenschaft und Technik größenfantastisches Naturverhältnis wieder vom Kopf auf die Füße stellen wollen, hilft uns keine rationale Erkenntnis und abgeleitete Moral, sondern nur der direkte Austausch der eigenen mit der äußeren Natur - vor allen Dingen über unseren Hauptaktionsraum, die Landschaft. Wenn heute von Naturschutz gesprochen wird, wird oft völlig vergessen dass damit auch Landschaftsschutz gemeint ist. Das Bundesnaturschutzgesetz spricht gleichwertig von Naturschutz und Landschaftspflege. Dieser zweite Schutzbegriff aber wird überwiegend emotional bzw. ästhetisch definiert - zu erhalten ist die "Vielfalt, Eigenart und Schönheit" der Landschaft, heißt es da. Leider gibt es hierfür bislang keine juristisch tragfähige Operationalisierung, daher fällt die Landschaftspflege im Zweifelsfall immer unter den Tisch. Hier kann die Natursoziologie und -psychologie weiterhelfen, indem sie die Notwendigkeit eines emotionalen Naturzugangs, eines Rechts auf Natur geltend macht. Jeder von uns, am meisten aber die junge Generation, braucht zur grundgesetzlich gesicherten, freien Entfaltung seiner Personlichkeit eher ein Stück Natur als einen Laptop. Und Wandern eröffnet den einfachsten, direktesten und schonendsten Weg zur Realisierung dieses Rechtes.
ski2b: Naturschutz gibt es seit geraumer Zeit und es ist weniger seine Einführung zu fordern als seine bisherige Wirkungslosigkeit festzustellen. Diese Wirkungslosigkeit besonders im Hinblick auf Nachhaltigkeit liegt darin, dass er mit dem Eigenwert der Natur und dem Postulat einer ethischen Verantwortung begründet wird. Ihnen zu genügen reichen Naturschutzinseln wie Naturschutzgebiete oder Nationalparke allemal aus. Wie in allen anderen sozialen Bereichen auch verlieren solche Begründungen, obwohl meist zustimmend zur Kenntnis genommen, vor der konkreten Möglichkeit erhöhten Profits oder sinkender Kosten (oder beidem) sowie vor der Befürchtung, wirtschaftliche Handlungsfreiheit einzubüßen, aber schnell ihre praktische Bedeutung.
Natur ist aber nicht nur Ressource oder ein biologischer Wirkungszusammenhang. Sie ist ebenso als Landschaftsform zu begreifen, die in Mitteleuropa nicht die Chimäre unberührter Natur im Sinne von Wildnis meint, aber vielmehr Schutz, Erhaltung oder Wiedergewinnung einer historisch gewordenen Landschaft, in der sich menschliche Arbeit und Kultur widerspiegelt. Und Natur ist auch ein psychologisches Grundbedürfnis des Menschen.
Ergäbe sich über diese gesellschaftlichen Nutzenkriterien, die mehr beinhalten, als die betriebswirtschaftliche Kostenrechnung aufweist, nicht ein sinnvollerer Ansatz, Naturschutz zu begründen, als der bisherige, der ethisch-moralisch daherkommt?
Rainer Brämer: Ja. Je mehr wir sinnlich erfahren, wie wichtig der Kontakt zur äußeren Natur für unsere eigene Natur ist, desto mehr werden wir uns auch positiv und engagiert der Natur zuwenden und für ihren Erhalt Sorge tragen. Damit wird unser eigenes, ganz persönliches Wohl zur treibenden Kraft für den Naturerhalt. Und nicht nur das: wo zentrale menschliche Bedürfnisse berührt sind, entsteht auch eine ökonomische Kraft.
Die Renaturierung von Lebensverhältnissen rechnet sich, wie beispielsweise der Naturtourismus, die Wanderhotels, aber auch die ökonomischen Studien über den Effekt der Be- und Umgrünung von Krankenhäusern, Büros und sozialen Brennpunkten zeigen. Es sieht im Moment so aus, als sei die Technisierung unserer Lebensverhältnisse einschließlich der damit verbundenen Ausbeutung unserer mentalen Kräfte so weit fortgeschritten, dass wir die Natur wieder richtig dringend brauchen. Nur mit diesem Gewinn bzw. Nutzen von Natur, den jeder ganz persönlich erfahren kann - wie zum Beispiel beim Wandern - können wir die weitere Vernichtung unserer natürlichen Umwelt aufhalten. Auf Dauer können wir nicht weiter täglich 120 Hektar Fläche allein in Deutschland versiegeln, wenn wir uns nicht selbst unsere Rekreationsmöglichkeiten nehmen wollen.
ski2b: Danke, dass Sie Sich die Zeit für das Interview genommen haben.
Rainer Brämer: Ich finde es gut, dass Sie dieses wichtige Thema so ernsthaft aufgreifen.
Information und Kontakt:
Dr. Rainer Brämer
Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Marburg
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